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Abschied von der kleinen Raupe von Heike Saalfrank Auf einer großen Wiese am Waldrand lebten einmal zwei Freunde. Sie hießen Schmatz und Schmierle. Schmatz war eine kleine Raupe. Sie wohnte in einer schönen Blume. Schmierle war ein Schneck, und er trug sein Haus immer auf dem Rücken mit sich herum. Die beiden waren die dicksten Freunde. Jeden Morgen, sobald Schmierle aufgewacht war, schüttelte er sacht an Schmatzs Schlafblume und rief: "Guten Morgen, Schlafmütze!" Was machen wir heute? Dann kam Schmatz am Stengel heruntergeklettert.
Die beiden Freunde streiften bis zum Abend miteinander durch die Gegend
und hatten jede Menge Spaß zusammen. Ihr Lieblingsspiel war Purzelbäume schlagen, und das ging so: Zuerst krochen sie auf einen Maulwurfshügel oder eine Baumwurzel hinauf. Oben hielten sie sich aneinander fest. Dabei bog Schmatz sich so, dass sein Rücken ganz rund war. So kullerten sie zusammen den kleinen Hügel hinunter, bis ihnen schwindelig wurde. Ganz in der Nähe der beiden lebte die alte Schnecke Lale. Sie war bei allen Tieren im ganzen Wald bekannt, weil sie oft wunderbare Geschichten vortrug. Wenn sie erzählte, saßen alle Tiere mucksmäuschenstill um sie herum und hörten ihr zu. Auch Schmatz und Schmierle waren dann natürlich dabei und horchten gespannt. Bei Regen setzten sie sich auf ein Blatt in eine Pfütze und schwammen herum wie mit einem Boot. Manchmal saßen sie an solchen Tagen auch zusammen in Schmierles Haus und unterhielten sich. Wenn Schmierle sich klein machte, war in seinem Schneckenhaus genug Platz für beide. Einmal malte Schmatz Schmierles Haus ganz bunt an. Da hatte Schmierle das schönste Schneckenhaus, das er je gesehen hatte. Ganz stolz kroch er damit den ganzen Waldrand entlang und zeigte es allen anderen Tieren. "Ist das nicht ein tolles Haus?", fragte er jedes von ihnen und verriet: "Das hat meine Freundin Schmatz mir so gemalt." Ein paar Tage später regnete es. Schmierle und Schmatz schauten zu, wie der Regen die Farbe abwusch. Das machte lauter bunte Pfützen, und sie freuten sich darüber. Immer fiel ihnen etwas Neues ein, und es war ihnen nie langweilig. So gab es keinen Tag, den sie nicht zusammen verbrachten. Im Sommer waren Wald und Wiese ein Schlaraffenland für sie. Da gab es Salat und Kohlblätter, an denen sie zusammen knabbern konnten. Ganz besonders gerne aßen sie Erdbeeren. Die waren nämlich ihre Lieblingsspeise, und sie vertilgten so viele davon, bis ihre Bäuche ganz rund waren. Wenn es windig war, ließen die beiden zusammen Drachen steigen. Dazu nahmen sie den Samen von einer Pusteblume und banden ihn an einem Spinnenfaden fest. Wenn dann ein Windstoß kam, blies er den Pusteblumendrachen hoch in die Luft, und Schmatz und Schmierle schauten zu, wie er hin und her wedelte.
Als sie sich schließlich verabschiedeten, wurde Schmatz ganz ernst und sagte: "Irgendwie fühle ich mich heute irgendwie anders als sonst. Ich spüre, dass mein Raupenleben sich ändert. Das geschieht bei uns Raupen irgendwann. GUTE NACHT SCHMIERLE!" Schmierle kroch nach Hause und verstand nicht, was Schmatz bei ihrer Verabschiedung gesagt hatte. "Morgen frage ich sie gleich, wie sie das gemeint hat", beschloss er vor dem Einschlafen. Doch als er am nächsten Morgen seine Freundin rief, bekam er keine Antwort. Er schüttelte an Schmatz Blume, aber alles blieb still. Was war mit ihr? Sie kam doch sonst immer, wenn er sie weckte. Da fiel ihm wieder ein, was Schmatz am Abend vorher gesagt hatte. Was war nur geschehen? Schmierle war traurig. Nach einer Weile spürte er, wie jemand an sein Haus klopfte. Als er sich umdrehte, sah er die alte, weise
Schnecke Lale. "Warum weinst du denn?", fragte sie. Da erzählte Schmierle von seiner Freundin, was sie am Abend zu ihm gesagt hatte und dass sie heute nicht gekommen war. Lale wiegte ihren Kopf hin und her und sagte schließlich: "Ich will dir erklären, was passiert ist. Schmatz ist gestorben." "Was ist das - gestorben?", fragte Schmierle. "Das heißt, dass für sie ein anderes Leben angefangen hat, an einem anderen Ort. Sie ist nicht mehr hier, und sie wird auch nie mehr wiederkommen. Niemand weiß, wo dieser Ort ist, auch ich nicht. Das einzige, was ich weiß, ist, dass er sehr schön ist und dass es ihr dort gut geht." Doch Schmierle konnte nicht aufhören zu weinen. "Sie kann doch nicht einfach weg sein," schluchzte er. Lale sagte: "Das ist sehr schwer zu verstehen. Aber wenn du an sie denkst, ist sie in Gedanken bei dir. Auch wenn deine Freundin weg ist, die Erinnerungen an sie werden bleiben." Schmierle verstand das zwar nicht ganz, aber Lales Worte trösteten ihn trotzdem.
Trotzdem dachte er noch häufig an die schönen Erlebnisse, die er und Schmatz gehabt hatten. Ab und zu kam es ihm dann so vor, als ob seine Freundin gar nicht so weit weg war. Was aber war mit Schmatz geschehen, als sie gestorben war? Sie hatte Flügel bekommen, war plötzlich ganz leicht und musste nicht mehr am Boden kriechen. Sie flog als Schmetterling durch den Tag, und das war schöner als alles, was sie bisher erlebt hatte. So etwas Tolles hatte sie sich früher nicht einmal vorstellen können. |